die Veröffentlichung unseres Geschäftsberichts ist eine gute Gelegenheit, um kurz innezuhalten und – nicht nur im finanziellen Sinne – Bilanz zu ziehen. Im letzten Jahr habe ich an dieser Stelle erklärt, dass wir bei Merck den technologischen Fortschritt mitgestalten möchten. Heute können wir feststellen, dass uns dies im Geschäftsjahr 2017 sehr wohl gelungen ist. Dazu später mehr.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Gegenwart. Denn 2018 ist ein besonderes Jahr für unser Unternehmen. Wir feiern das 350-jährige Jubiläum von Merck. Wenige Firmen haben Wurzeln, die so weit zurückreichen. Und in unserer Branche sind wir die Einzigen, die so lange erfolgreich sind.

Über dreieinhalb Jahrhunderte haben wir immer wieder zur Entwicklung der Wissenschaft beigetragen. Den Grundstein legte Friedrich Jacob Merck anno 1668 mit seiner Apotheke in Darmstadt. Im 19. Jahrhundert zählte Emanuel Merck zu den Industrie-Pionieren der modernen Pharmazie. Heute arbeiten mehr als 6.000 Merck-Forscher an bahnbrechenden Gesundheitslösungen und Technologien.

Merck hat sich stets gewandelt. Aber es gibt auch wesentliche Konstanten. Wissenschaftliche Neugier war, ist und bleibt unsere Triebfeder – sie treibt unsere Wissenschaftler in Europa, Asien und Nordamerika an, neue Lösungen für einige der drängendsten Fragen der Menschheit zu suchen. Bei allem, was wir tun, orientieren wir uns an einem klar definierten und verbindlichen Wertekodex. Das heißt zum Beispiel: Wir führen unser Geschäft als verantwortungsvolle Unternehmer.

Stefan Oschmann
Vorsitzender der Geschäftsleitung und CEO


Im letzten Jahr haben wir in unseren Märkten technologischen Fortschritt mitgestaltet und Meilensteine erreicht.

  • Wir haben die ersten Zulassungen für gleich zwei wichtige neue Medikamente erhalten: für das Krebsmedikament Bavencio® und für Mavenclad® zur Behandlung von schubförmiger Multipler Sklerose bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität. Mavenclad® bietet Patienten ein innovatives Verabreichungskonzept. Oral eingenommen an maximal 20 Tagen innerhalb der ersten zwei Behandlungsjahre, kann das Medikament eine vierjährige Krankheitskontrolle erzielen.
  • Durch die Übernahme des Unternehmens BioControl Systems konnten wir unser Angebot für Kunden aus der Lebensmittelindustrie ausbauen. Wir bieten nun ein umfassendes Portfolio an Technologien, um Lebensmittel auf Krankheitserreger zu prüfen. In unserem neuen Studio für Lebensmittelsicherheit können Kunden zusammen mit unseren Wissenschaftlern beispielsweise Schnelltests für die Überprüfung ihrer Produkte entwickeln.
  • Zum ersten Mal haben wir unsere Technologien für die Mobilität der Zukunft auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main präsentiert – zum Beispiel Materialien für intelligente Scheinwerfer, die ihre Lichtverteilung situationsgerecht anpassen können und somit für mehr Verkehrssicherheit sorgen. Oder Flüssigkristalle für Satellitenantennen, die den Empfang großer Datenmengen an fast jedem Ort der Welt ermöglichen – eine wichtige Technologie für das autonome Fahren.

Das sind nur einige wenige Beispiele für all das, was wir 2017 dank der Neugier, der Vorstellungskraft und dem Engagement unserer mehr als 52.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschafft haben. Ihnen allen danke ich im Namen der Geschäftsleitung herzlich.

Wirtschaftlich betrachtet war 2017 ein ordentliches Jahr. Merck ist wieder profitabel gewachsen. Für das Geschäftsjahr 2017 werden wir der Hauptversammlung die Erhöhung der Dividende um 5 Cent auf 1,25 € je Aktie vorschlagen. Unser Umsatz stieg auf 15,3 Mrd. €. Gleichzeitig hat das EBITDA pre, die wichtigste Kennzahl zur Steuerung unseres operativen Geschäfts, mit 4,4 Mrd. € das untere Ende unserer Jahresprognose erreicht – trotz einer für uns unvorteilhaften Wechselkursentwicklung. Höhere Forschungs- und Entwicklungskosten in unserem Pharmageschäft sowie ein anspruchsvolles Marktumfeld bei den Flüssigkristallen machen sich klar bemerkbar. Diese beiden Themenkomplexe werden uns auch 2018 weiterhin beschäftigen.

Wir investieren weiter in die Entwicklung und die Markteinführung neuer Medikamente. Diese Aufwendungen werden sich auch in diesem Jahr in unserem Ergebnis widerspiegeln. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber der Begriff „investieren‟, denn wir sind überzeugt: Unser finanzielles Engagement wird sich auszahlen. Deshalb ist es richtig, das notwendige Geld zeitnah in die Hand zu nehmen.

Gezielt zu investieren heißt angesichts begrenzter Ressourcen auch, Prioritäten zu setzen. Deshalb haben wir im letzten Jahr unser Biosimilars-Geschäft verkauft. Und deshalb haben wir 2017 angekündigt, strategische Optionen für unser Geschäft mit rezeptfreien Produkten zu prüfen.

Im Geschäft mit den Flüssigkristallen sind wir seit langen Jahren Markt- und Technologieführer. Das Marktumfeld für etablierte Flüssigkristalltechnologien hat sich jedoch schwieriger gestaltet, vor allem in China. Demgegenüber wachsen die Umsätze bei innovativen Technologien, beispielsweise mit energiesparenden sogenannten UB-FFS-Materialien, stark. Wir treiben daher die Einführung neuer Flüssigkristallprodukte gezielt voran und erschließen neue Anwendungsfelder für unser Kerngeschäft. Hier geht es zum Beispiel um Fenster mit Flüssigkristallmodulen, die Gebäude energieeffizienter machen. Ende November haben wir hierfür eine neue Produktionsstätte in den Niederlanden eröffnet. Zudem sollte die positive Entwicklung der Geschäftsfelder Halbleitermaterialien sowie Oberflächenlösungen den Folgen des verschärften Wettbewerbes bei Flüssigkristallen entgegenwirken.

Das zeigt: Wir packen die Themen an, die für unser Unternehmen erfolgsrelevant sind. Und wir setzen klare geschäftliche Prioritäten. In unserem Pharmageschäft konzentrieren wir uns auf die Entwicklung innovativer Spezialmedikamente. Zudem wollen wir unser sehr erfolgreiches Life-Science-Geschäft weiter gezielt ausbauen. In unserem Spezialchemiegeschäft werden wir vor allem die schnell wachsenden Geschäftsfelder, wie zum Beispiel die Materialien für die Halbleiterproduktion, vorantreiben.

Bei alledem werden wir auch 2018 unsere gewohnt hohe finanzielle Disziplin wahren. Der Abbau unserer akquisitionsbedingten Nettofinanzverschuldung hat weiter Priorität.

Welche Innovationen werden unsere Branchen als Nächstes entscheidend prägen? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns intensiv und stellen entsprechende Weichen, damit es Merck auch morgen und übermorgen noch genauso gut wie heute geht.

Wir nutzen komplexe digitale Datenanalyseverfahren im Kampf gegen Krebs und andere schwere Krankheiten. Um zum Beispiel Medikamente, die das körpereigene Immunsystem gegen den Krebs aktivieren, wirksamer zu machen, müssen wir das Zusammenspiel zwischen dem Immunsystem und dem Tumor viel besser verstehen. Dafür bauen wir eine leistungsfähige Daten- und Analyseplattform auf. So wollen wir aussagekräftige Muster erkennen und neue wirksame Behandlungsoptionen entwickeln.

Wir eröffnen Wissenschaftlern und Biotechunternehmen neue Perspektiven, zum Beispiel in der Genomeditierung mit der sogenannten CRISPR-Technologie. Mit dieser Methode lässt sich das Erbgut lebender Zellen deutlich effizienter verändern als mit bisherigen Verfahren. CRISPR kann uns zum Beispiel helfen, neue Behandlungsmöglichkeiten für schwere Krankheiten zu finden. In der EU sowie in Australien, Kanada und Singapur haben wir Patente für eine zukunftsweisende CRISPR-Technologie erhalten. Bei allem Forscherdrang wissen wir jedoch auch: Die Genomeditierung berührt ethische Grundsatzfragen. Wir nehmen diese Themen sehr ernst. Deshalb haben wir für unsere Forschung und unser Geschäft klare Richtlinien formuliert und eine international besetzte Ethik-Kommission („Merck Bioethics Advisory Panel‟) eingesetzt – auch das ist verantwortungsvolles Unternehmertum.

Unsere Hightech-Materialien sind eine wichtige Grundlage für viele Technologien der Zukunft. Organische Photovoltaik-Materialien ermöglichen zum Beispiel ganz neue, saubere Methoden der Energiegewinnung. Mit ihnen lassen sich Gebäudefassaden in Energiequellen verwandeln. So ergeben sich ganz neue Optionen für Architekten – und vielleicht bald auch für Astronauten. Denn gemeinsam mit der europäischen Raumfahrtagentur ESA arbeiten wir an den Weltraummaterialien der Zukunft, wie Sie dem Magazinteil dieses Geschäftsberichts entnehmen können.

Das alles ist keine Science-Fiction mehr, sondern wird zunehmend Realität – auch mithilfe von Merck. Wir sind stolz darauf, als lebendiges Wissenschafts- und Technologieunternehmen die Zukunft unserer Welt an entscheidenden Stellen mitgestalten zu können. Seien Sie aber versichert, dass wir bei Merck dabei immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben werden, gerade auch angesichts unserer 350-jährigen Geschichte. Wir werden Ihr Unternehmen weiterhin anständig, konservativ und erfolgreich führen. Und wir bleiben – getreu dem Motto unseres Jubiläumsjahrs – immer neugierig. Darauf können Sie sich verlassen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr

Stefan Oschmann
Vorsitzender der Geschäftsleitung und CEO